Gedichte      



Was es ist

Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe

(Erich Fried)

Komm, wir gehen Sterne pflücken,
eine Nacht lang hab ich Zeit,
Komm, wir löschen alles Fremdsein
zwischen uns mit Zärtlichkeit,

schmieden uns ein neues Lachen,
das der Montag nicht verbiegt,
geben dem Moment die Sporen,
dass er uns noch höher fliegt.

Und wir finden neue Worte,
jedes Wort ein Ruderschlag.
Und vielleicht trägt er uns weiter
als nur bis zum nächsten Tag.

Komm, wir gehen Sterne pflücken
schnell, bevor der Tag erwacht
balancieren auf dem Rücken
dreier Worte durch die Nacht.

(Miriam Frances)

Von Osten streift ein Frühlingswind uns wie im Vorübergehen,
dass auf dem Pokal in dem grünen Wein winzige Wellen entstehen.
Da sind die Blüten, von Wirbelgewalt entführt, zu Boden gegangen.
Mein schönes Mädchen ist trunken bald mit ihren geröteten Wangen.
Am blauen Gaden der Pfirsichbaum - weisst du, wie lange der blüht?
Ein zitterndes Leuchten ist es, ein Traum: Er täuscht uns nur und entflieht.
Komm, auf zum Tanz! Die Sonne verglüht.

(Li Bo)

Ein Glühwürmchen zur Sommerszeit,
das war zur Liebe einst bereit,
und flog in lauer Sommernacht
zu einem Pünktchen, glühend sacht.
Doch blinde Liebe tut nicht gut -
es starb an Zigarettenglut.

(Oskar Stock)

Was ist des Menschen Denken? - Ein Labyrinth voll Nacht!
Was ist des Menschen Können? - Ach eines Kindes Macht!
Was ist des Menschen Wissen? - Von deinem Meer ein Schaum!
Was ist des Menschen Leben? - Ein kurzer bunter Traum.

(Ludwig Bechstein)

Wie Wellen eilen zu dem Kieselstrand,
So unsre Stunden ihrem Ende zu
Und jede wird im Laufe überrannt
Von jeder nächsten, hastend ohne Ruh.
Einmal geboren in das Meer des Lichts,
Drängt jedes Leben nach der Reife hin,
Und ist's soweit, naht dunkel schon das Nichts,
Und Zeit, die schuf, wird zur Zerstörerin
Die Zeit zersticht der Jugend grüne Flur,
Gräbt Linien in die Stirn, wo Schönheit lag,
Zehrt an den Kostbarkeiten der Natur,
Und nichts besteht vor ihrem Sensenschlag:
Und doch trotz' ich der grausam harten Hand,
Mein Lied, dein Preis, hält der Zerstörung stand.

(60. Sonette von Shakespeare)

Ein Traum, ein Traum ist unser Leben
auf Erden hier.
Wie Schatten wir auf Wolken schweben
und schwinden wir.
Und messen unsere trägen Tritte
nach Raum und Zeit.
Und sind und wissen's nicht
in der Mitte der Ewigkeit.

(Johann Gottfried Herder)

Erde, wie geht es dir?
Erde, ich steh auf dir
Erde, du bist so still
Erde, was willst du denn?
Es tut mir leid,
ich bin so dumm
Ich bin ein Mensch,
kann nicht verstehen.

Erde, wie geht es dir?
Erde, ich leb auf dir
Tut's dir nicht weh?
Ich hör kein Klagen
Doch warte, ich halt inne
Jetzt, jetzt hör ich dich
Ich hör dein leises Wimmern,
spür deinen tiefen Schmerz.

Erde, wie geht es dir?
Erde, ich fühl mit dir
Jetzt seh ich auch die andern Menschen,
die in Massen wälzend,
dich in Grund und Boden stampfen,
Presslufthämmer niedersausend,
Asphalt auf die Haut auftragen,
Tonnen von Beton drauf bauen.

Erde, wie geht es dir?
Erde, ich leb doch mit dir
Da wühlen sie wie wahnbesessen,
in deinen Eingeweiden rum
Gold und Silber dir entreissend
mit Kohlebaggern in dich fressend
und lassen dich dann still verbluten
nach Förderung des letzten Öls.

Erde, wie geht es dir?
Erde, ich wein mit dir.

(Eckhardt Jahn)


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